
Die Geschichte unserer Wasserversorgung ist eng verknüpft mit dem raschen Bevölkerungswachstum und einer einsetzenden Landflucht im späten Mittelalter. Als Folge davon häuften sich in den zunehmend dichter besiedelten Städten die Probleme aus Abfallbeseitigung und Trinkwasserversorgung. Abortanlagen mit Wasserspülung gab es nicht. Häufig fehlte sauberes Wasser in ausreichender Menge, Straßen und Plätze waren ständig verschmutzt – die hygienischen Verhältnisse ließen zu wünschen übrig. Epidemien brachen aus, die Pest entvölkerte im 14. und 15. Jahrhundert weite Landstriche in ganz Europa. Etwa 25 Millionen Menschen, ungefähr ein Drittel der Bevölkerung Europas, fielen dem Pesttod zum Opfer.
Die Erkenntnis, dass Krankheiten durch verunreinigtes Wasser übertragen werden, verbreitete sich nur langsam. Sie führte im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts zu einer Vielzahl von Erfindungen mit dem Ziel der Verbesserung der Wasserversorgung in Qualität und Menge. Techniker und Ingenieure übernahmen diese Aufgaben. Frisches Wasser wurde aus Quellen, Bächen und Flüssen, aus Schöpf-, Zieh- oder aus Laufbrunnen gewonnen. Schöpfräder, Pump- und Hebewerke, Wassertürme und Wasserleitungen förderten das Wasser auf öffentliche Plätze. Von dort wurde es in die Häuser getragen.
In größeren Städten, wie in Stuttgart, Ulm, Leipzig oder Hamburg, wurden bereits im 16. Jahrhundert offene Wassergräben durch unterirdisch verlegte Wasserleitungen zur Versorgung von Laufbrunnen und von ausgewählten Einrichtungen mit einem hohen Wasserbedarf ersetzt.

Dies waren vor allem herrschaftliche Residenzen, wie Burgen und Schlösser, Klosteranlagen, städtische Betriebe, wie Brau- und Schlachthäuser, Sozialeinrichtungen, wie Badestuben, Spitäler und so genannte Hochzeitshäuser, die größeren geselligen Veranstaltungen dienten. Aus Kostengründen wurden zumeist ausgehöhlte Holzrohre, vereinzelt auch Ton-, Guss- oder Bleileitungen verwendet. Im Fall eines Brandes stand dann zumeist auch ausreichend Löschwasser zur Verfügung.
Trinkwasser wurde nach seiner Herkunft, nach seinem Aussehen, seinem Geschmack und seiner Wirkung auf den Menschen unterschieden. Der sächsische Arzt Georg Agricola schrieb dazu in seinem im Jahr 1545 erschienenen Werk
„Vier Sinne hat die Natur dem Menschen gegeben, mit denen man die Mischung der Wässer aufnehmen und über sie urteilen kann. Gesicht, Geschmack, Geruch und Tastsinn. Die meisten nimmt man mit den Augen wahr, viele mit der Zunge, mit der Nase dagegen nur wenige, mit dem Tastsinn in der Regel nur die durch Einwirkung von Wärme und Hitze gekennzeichneten.“
Er gibt den Rat, Wasser vor seinem Gebrauch auf seinen Geschmack und seine Inhaltsstoffe hin genauestens zu untersuchen. Einen ersten Eindruck für die Wasserqualität eines Brunnens oder einer Quelle liefern demnach auch der umgebende Boden und die Vegetation. Ein weiteres Merkmal für die Wasserqualität sahen die Gelehrten der damaligen Zeit im Erscheinungsbild der Menschen. Waren sie gesund und kräftig, musste das Wasser gut sein.
Die einfachen Bürgerinnen und Bürger benötigten in der Zeit der Renaissance im häuslichen Bereich relativ wenig Wasser. Es wurde zum Trinken und Kochen, zu Handwaschungen, zum Spülen von Haushaltsgeräten und zur Reinigung der Wohnungen gebraucht. Gebadet wurde in öffentlichen Badehäusern, gewaschen an zentralen Waschplätzen. Erst im 19. Jahrhundert begann der Anschluss einzelner Wohnhäuser an das öffentliche Trinkwasser-Leitungsnetz.






Quelle:
Die Wasserversorgung in der Renaissancezeit, Frontinus-Gesellschaft, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2000