
Die Entwicklung Stuttgarts von einer mittelalterlichen Burg am Nesenbach und dem sagenhaften „Stuotengarten", welcher der Stadt ihren Namen verlieh, zur Großstadt eines hoch industrialisierten Ballungsraums war nahezu immer begleitet von den Bemühungen um eine sichere Wasserversorgung. Über Jahrhunderte hinweg war Wasser knapp, gutes Trinkwasser kostbar.
Im benachbarten Cannstatt lagen zwar die nach Budapest ergiebigsten Mineralwasservorkommen Europas, aufgrund der Höhenlage konnte das Wasser jedoch nicht in ausreichender Menge nach Stuttgart geleitet werden. Lange Zeit dienten Grundwasser aus Schachtbrunnen und die aus Quellen gespeisten Laufbrunnen der Wasserversorgung. Das Nutzwasser zum Löschen, für das Gewerbe, zum Waschen, zum Tränken des Viehs und zur Straßenreinigung kam aus dem Nesenbach.
Im Jahr 1490 ließ Graf Eberhard im Bart die ersten Quellen in Kaltental für die Versorgung des Alten Schlosses fassen. Eine fünf Kilometer lange Holz-Teichelleitung leitete das Wasser herbei. Bis 1760 wurden weitere Quellen in Kaltental, in Möhringen, im Stadtwald, im Koppental, am Vogelsang und beim Bopser für die herrschaftlichen und städtischen Brunnenstuben erschlossen.
Die vielen Quellfassungen entzogen den Mühlen am Nesenbach das dringend benötigte Wasser. Um Ersatz zu schaffen, wurde im Jahr 1566 der Pfaffensee aufgestaut. Über einen 850 Meter langen Stollen wurde dem Nesenbach Wasser zugeleitet.
Bereits 1618 folgte der Aufstau des Bärensees und im 19. Jahrhundert der Katzenbach-, Steinbach- und Neue See. Der 1707 angelegte Feuersee diente, wie der Name verrät, vor allem als Löschwasserspeicher. Trotz vielfältiger Bemühungen blieb in Stuttgart das Wasser knapp. Ein um 1817 gestartetes Projekt zur Zuleitung von Neckarwasser aus Neckartenzlingen nach Stuttgart scheiterte. Die im 19. Jahrhundert beginnende Industrialisierung und ein rasches Bevölkerungswachstum führten im Jahr 1862 zur Inbetriebnahme des ersten Neckarwasserwerkes in Berg. Dieses lieferte aufbereitetes Flusswasser für die Schlossanlagen und die Brunnengemeinschaft.
Im Jahr 1870 wurden Überlegungen zu einer 65 km langen Wasserzuleitung aus dem Nordschwarzwald angestellt; die Realisierung scheiterte jedoch. Eine Typhusepidemie zeigte 1872 deutliche Mängel auf. Sechs Tote und 92 Kranke waren die Folge des durch Fäkalgruben verseuchten Trinkwassers. Weitere Projekte, wie der Bau des „Seewasserwerks Hasenbergsteige“ 1874 zur Filtration des Parkseewassers und der Ausbau des Wasserwerkes Berg bis 1882, sollten die Situation verbessern. Um 1896 wurde der tägliche Bedarf an Nutzwasser wie folgt notiert:
| Wohlhabende Klasse | 62 Liter pro Kopf | Bad, Klosett, Wagen, Pferd, Garten |
| Mittelklasse | 30 Liter pro Kopf | Bürgerliche Wohnungen |
| Arbeiterklasse | 26 Liter pro Kopf | Kleine Wohnungen |
Ab 1910 wurde die Trinkwasserversorgung von öffentlichen Brunnen auf eine zentrale Versorgung der Häuser umgestellt. Der Bedarf der Folgezeit konnte nur durch die Zuleitung von Trinkwasser aus größerer Entfernung gedeckt werden. Im Jahr 1904 wurde die Filderwasserversorgung gegründet. Im Jahr 1907 folgte die Strohgäuwasserversorgung und 1912 die Landeswasserversorgung. Bereits fünf Jahre später erhielt Stuttgart erstmals sein Trinkwasser aus dem Donauried bei Ulm.
Der weitere Ausbau des Neckarwasserwerkes um 1922, die Erweiterung des Leitungsnetzes und der Behälter und das Werk „Gallenklinge" sicherten die Versorgung. Mit der Gründung der Bodensee-Wasserversorgung 1954 und der erstmaligen Lieferung vier Jahre später war der Bedarf auf absehbare Zeit gedeckt. Seit 1998 bezieht Stuttgart sein Trinkwasser jeweils zur Hälfte von der Landeswasserversorgung und der Bodensee-Wasserversorgung.



Quellen:
Stuttgart und das Wasser, Technische Werke der Stadt Stuttgart AG, W. Meyer-König, TWS Eigenverlag, Stuttgart 1979
Wasser ist unser Element, EnBW Regional AG, EnBW Eigenverlag, Stuttgart 2006