
Hermann Hämmerles Aufzeichnungen geben einen Einblick in den Arbeitstag eines Maschinenwärters im Jahr 1920. Manches, worüber er schreibt, regt zum Nachdenken an:
„Heute war ein harter Tag! Seit gestern ist es heiß und die Wasserabgabe ist stark gestiegen, die Pumpe dröhnt im Wasserwerk und das Wasser rauscht in den Rohren. Um 9:50 Uhr klingelte das Telefon; es hieß, der Wasserstand im Behälter Osterbuch sei auf den Minimalstand gefallen – Zeit zum Handeln also! Zusammen mit meinem Schichtkollegen Karl Kännle musste ich den Pumpenwechsel im Werk vorbereiten – eine schweißtreibende Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Zuerst öffnete ich den Saugschieber der Pumpe 3. Bevor ich jedoch den Pumpenmotor anließ, musste ich die Pumpe entlüften. Nachdem sie schließlich lief, öffnete ich vorsichtig den Druckschieber bis die Fördermenge stieg. Nun war Karl mit der kleineren Pumpe 2 an der Reihe. Er kurbelte den Druckschieber langsam zu. Jetzt kam der schwierigste Teil der Umstellung; während er seinen Druckschieber immer weiter zudrehte, musste ich meinen ganz langsam öffnen. Wichtig war, die Fördermenge konstant zu halten, da Druckstöße die Leitung beschädigen können. Nachdem Karls Schieber ganz geschlossen war, stellte er den Motor seiner Pumpe ab und schloss den Saugschieber.
Meine Arbeit war noch nicht beendet: ich musste den Druckschieber nun ganz öffnen, langsam stieg die Fördermenge an. Eine halbe Stunde war vergangen, der Schweiß lief mir von der Stirn und der Pumpenlärm dröhnte in meinen Ohren. Danach ging es weiter: im Betriebsbuch notierte ich die Messwerte, wir kontrollierten noch einmal alles und Karl schmierte die Pumpen. Um 13:30 Uhr kam dann die Meldung, dass Stuttgart noch mehr Wasser benötigt, der Wasserspiegel im Behälter Osterbuch fiel schon wieder. Das ganze Spiel, nun der Wechsel von Pumpe 3 zu Pumpe 4, begann von vorn – für uns kein Problem, denn es stand sogar noch eine fünfte Pumpe bereit.
Meine Kollegen und ich wohnen in Dienstwohnungen beim Wasserwerk. Falls etwas passiert sind wir schnell zur Stelle. Die Wohnungen sind zwar schlicht, aber schön; das große Werk jedoch ist prächtig geworden. Es hat sogar ein richtiges Badezimmer, das uns und unseren Familien einmal in der Woche zur Verfügung steht. Am Samstag wird hier der Ofen angeheizt und das Wasser in einem Kessel warm gemacht, nach einem genauen Zeitplan können wir dann alle das Bad nutzen. Die Sprüdeles, die Familie meiner Schwester Sieglinde, hätten das auch gerne. Es ist also gar nicht so schlecht, wenn man direkt an der Quelle wohnt.“
Wegen der Materialnot und der steigenden Preise gab es um das Jahr 1920 eine LW-Dienstanweisung mit folgendem Wortlaut „Die immer weiter steigenden Preise für die Betriebsstoffe machen es zur dringenden Pflicht, im Verbrauch dieser Stoffe recht sparsam zu sein. Dies ist besonders bei Verwendung von Oel, Putzwolle und Inertol zu beachten. Bei dieser Gelegenheit weise ich wiederholt darauf hin, dass zur weitergehenden Stromersparnis peinlichst darauf geachtet wird, dass nur absolut nötige Pumpenumschaltungen erfolgen.“
Sorgfältiges Arbeiten gehörte damals schon zur Dienstpflicht des Betriebspersonals. Im Dienstvertrag Hermann Hämmerles steht: „Sein regelmäßiger Wartedienst erstreckt sich auf 12 Stunden, worauf 12 Stunden Ruhezeit folgen. Bei vorkommenden Störungen und notwendigen Ausbesserungen hat der Wärter ohne Rücksicht auf Tag- oder Nachtzeit, Sonn- oder Werktage alle verlangte Beihilfe zu leisten." Er erhielt dafür ein „Taggeld“ von vier Mark, nach jeweils drei Jahren erfolgte eine Höhergruppierung bis maximal sechs Mark fünfzig. Den Wärtern stand eine „freie Dienstwohnung mit Heizung und Beleuchtung sowie Gartengenuß“ zu. Im Jahr gab es acht Urlaubstage und einen Wärteranzug bestehend aus „Juppe und kurzem Beinkleid sowie ein paar Wickelgamaschen“. Die Kranken-, Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung war nach den gesetzlichen Vorschriften geregelt.



Quelle: Jubiläumsband „Landeswasserversorgung — 100 Jahre Trinkwasser für Baden-Württemberg“, Stuttgart, 2012