
Bereits die alten Griechen und Römer wussten um die Bedeutung von sauberem Wasser für die Hygiene und Gesundheit der Menschen. Sie hatten nicht nur eine hoch entwickelte Badekultur; das antike Rom verfügte auch über ein weit verzweigtes Wassersystem, die Aquädukte, welches die öffentlichen Brunnen, imperialen Paläste und privaten Häuser mit enormen Mengen an frischem Wasser aus der umliegenden Bergregion versorgte.

Ein umfangreiches Kanalsystem, die „Cloaca Maxima", leitete die Abwässer der Stadt Rom in den Fluss Tiber ab. Das Bewusstsein und die Anstrengungen und Fähigkeiten der Griechen und Römer überdauerte die Jahrhunderte der Antike, also die Zeit von etwa 800 Jahre vor Christus bis etwa 600 Jahre nach Christus ohne Unterbrechungen. Danach vergingen viele Jahrhunderte, bis dieser Standard in Europa wieder erreicht wurde – erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es soweit.
Die europäischen Badehäuser erlebten im 12. und 13. Jahrhundert ihre Blütezeit. In weiten Teilen der Bevölkerung erfreute sich das gemeinschaftliche Bad großer Beliebtheit aus Gründen der Hygiene und der Unterhaltung. Zwar galt in den Badestuben offiziell die Geschlechtertrennung, in der Praxis wurde jedoch oft gemischt gebadet. Der Besuch im Badehaus galt bei den Wohlhabenden als ein Vergnügen. Dabei wurde im Wasser nicht nur gegessen und getrunken, nicht selten wurden Kontakte geknüpft. Die Badestuben gerieten daher gelegentlich in den Ruf, Bordelle zu sein – einige waren es tatsächlich. Die Kirche kritisierte lange Zeit vergebens diese Sitten. Priestern war es grundsätzlich verboten, öffentliche Badestuben aufzusuchen. Als die Krankheit Syphilis von spanischen Söldnern aus Südamerika nach Europa eingeschleppt worden war, führten diese damals unheilbare Geschlechtskrankheit sowie die Pestepidemien im 15. und 16. Jahrhundert zu einem Wandel im Umgang mit Wasser und der Körperhygiene. Die Menschen glaubten zu jener Zeit nämlich, dass beim Baden das Wasser durch die Poren der Haut in den Körper eindringen würde und so gefährliche Krankheiten übertragen werden. Daher beschränkte sich die Körperpflege fortan auf das Gesicht, die Hände und die Füße.



Das Zeitalter der Aufklärung sorgte im 18. Jahrhundert in den Naturwissenschaften und in der Medizin für große Fortschritte und neue Erkenntnisse. Die Ärzte gingen nun nicht mehr davon aus, dass Krankheit und Tod allein eine göttliche Fügung und ein unabänderliches Schicksal sind, sie unterschieden zwischen natürlichen und selbstverschuldeten Krankheiten. Das war neu und gab der Entwicklung der Hygiene einen neuerlichen Auftrieb. Körperpflege, Reinlichkeit und die Verwendung von Wasser wurden wieder „salonfähig". Mit der zunehmenden Verstädterung und der wachsenden Bevölkerung im 19. und 20. Jahrhundert waren Hygiene und Gesundheitspflege keine Frage mehr von Luxus und Privatsphäre, denn Hygiene und Seuchenbekämpfung hingen eng zusammen. Zudem waren die großen Ballungs- und Industriezentren auf gesunde Arbeitskräfte angewiesen. Die Städte wurden folglich Vorreiter auf dem Weg zu modernen Standards und hygienischeren Verhältnissen. Noch bis in das 20. Jahrhundert hinein waren die Ausstattungen für das Baden und die Körperhygiene in normalen Wohnräumen untergebracht. Erst um das Jahr 1900 begann man, separate Badezimmer in Bürgerhäusern einzurichten, die auch eine Badewanne und ein Waschbecken enthielten. Um das Jahr 1850 kamen schließlich die ersten Gasboiler zur Warmwasserbereitung auf den Markt, seit etwa 1870 gab es in vielen Städten dann auch fließendes Wasser aus der Leitung. Heute wissen wir, dass die Verdoppelung der Lebenserwartung in Westeuropa in den letzten 200 Jahren vor allem auf die ausreichende Ernährung, eine verbesserte Qualität der Lebensmittel und auf vorbeugende Maßnahmen zur Hygiene sowie auf bessere Umweltbedingungen zurückzuführen ist. Sauberes Wasser spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Anmerkung: nach dem Beitrag „Körperhygiene ist keine Erfindung der Neuzeit" aus dem Jubiläumsband „Landeswasserversorgung – 100 Jahre Trink-wasser für Baden-Württemberg 1912-2012"
Quelle: Vögele, Jörg: Sozialgeschichte städtischer Gesundheitsverhältnisse während der Urbanisierung, Berlin 2001, Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 69