
Esslingens Weg von der ortsnahen Wasserversorgung aus Quellen, Brunnen und dem Neckar zur heutigen Trinkwasserversorgung aus dem Donauried bei Ulm und aus dem Bodensee ist lang und bedeutsam für den Aufstieg Esslingens zur einst freien und mächtigen Reichsstadt und zur heutigen Industriemetropole im Mittleren Neckarraum. Entsprechend erster urkundlicher Erwähnungen reicht er in die Zeit um das Jahr 1300 zurück. Während das Handwerk und Gewerbe das Wasser dem Neckar entnahm, wurden für die Versorgung der Bürger auf öffentlichen Plätzen Brunnen gebaut. Sie gehen zum Teil auf das 14. Jahrhundert zurück und wurden aus Quellen am Krummenacker, am Wäldenbronn, am Lantelengraben, an der Oberen Beutau, beim Mettinger Tor oder unter der Frauenkirche gespeist. Neben der Wasserversorgung von Mensch und Vieh dienten sie auch zum Wäschewaschen und zum Reinigen und Frischhalten von Lebensmitteln. So schwammen an Markttagen Fische in den Brunnenbecken.
Um das Jahr 1564 zählte Esslingen bereits 15 Rohrbrunnen. Sie waren durch Deichel, ausgehöhlte Holzrohre, mit den Quellen verbunden und trugen dazu bei, dass es in der Stadt ausreichend sauberes Wasser gab. Von den Brunnen wurde das Wasser Eimer für Eimer in die Häuser getragen. Zisternen sammelten das Regenwasser der Dach- und Hofflächen. Das Esslinger Brunnenstatut geht auf das Jahr 1783 zurück. Es beschreibt die verantwortungsvolle Aufgabe des Brunnenmeisters zur Funktionsfähigkeit der Anlagen und zur Reinhaltung des Wassers. So heißt es:
„Derjenige, dem das allhiesige Esslinger kostbare Bronnenwesen anvertraut ist, hat einen Eid zu Gott dem Allmächtigen abzuschwören, dass es soviel an ihm ist, zu Nutzen der Stadt befördern, allen Schaden aber warnen und abwenden wolle, insonderheit, dass er die Rohrbronnen gut in Stand halten, auf die Reinigkeit derselben dringen und fleissige Obsicht habe, dass sie nicht von Adern mit Fenster, Kübel, Gälten, eintunken und abflössen, desgleich auch mit Salat, Gemüs und Kuttlen waschen verunreinigt werden.“
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen beim Bau der Wasserleitungen auch Tonröhren zum Einsatz. Aufgrund ihrer längeren Haltbarkeit und der günstigeren hygienischen Eigenschaften ersetzten sie Stück für Stück die Holzdeicheln. Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend auch Gussrohre verwendet. Vereinzelt sind sie heute noch in Betrieb. Die weitere Entwicklung Esslingens führte dazu, dass um 1870 das Quellwasser nicht mehr ausreichte, den Bedarf zu decken. Dies hatte im Jahr 1876 den Bau des ersten dampfbetriebenen Grundwasserwerks in Württemberg zur Folge. Aus einer nahe dem Neckar gelegenen Sickergalerie wurde Grundwasser entnommen, welches über eine Druckleitung in den Wasserbehälter der über der Stadt gelegenen Burg gefördert wurde. Im Zuge des Eisenbahnbaus wurde die Galerie im Jahr 1889 an das linke Neckarufer verlegt.
Da Esslingens Wasserbedarf um das Jahr 1915 aufgrund des anhaltenden Wirtschaftswachstums und der rasch zunehmenden Bevölkerung nicht mehr aus den ortsnahen Vorkommen gedeckt werden konnte, trat die Stadt 1916 der vier Jahre zuvor gegründeten Landeswasserversorgung bei. Schon ein Jahr später war der Anschluss zum LW-Behälter Rotenberg hergestellt. Damit konnte Grundwasser aus dem 70 Kilometer entfernten Donauried in die Stadt geleitet werden. Der weitere Ausbau der Versorgungsanlagen erfolgte Schritt für Schritt. Zur Erhöhung der Versorgungssicherheit trat Esslingen der 1954 gegründeten Bodensee-Wasserversorgung bei. Heute erhält die Stadt rund 75 Prozent des Trinkwassers von der Landeswasserversorgung und rund 25 Prozent von der Bodensee-Wasserversorgung. Während das Trinkwasser der Landeswasserversorgung in der Innenstadt und im Stadtgebiet nördlich des Neckars verteilt wird, werden die südlich gelegenen Stadtbezirke mit Bodenseewasser versorgt. Die ortsnahen Wasservorkommen dienen der Notversorgung.


