


„Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“ komponierte Franz Schubert im Jahr 1827 und rückte mit diesem Lied den Ort seiner Träume in den Mittelpunkt seines Lebens. Doch nicht nur in Liedern, auch im realen Leben kommt den Brunnen seit vielen Jahrhunderten eine besondere Bedeutung zu.
Brunnen dienten in erster Linie dazu, Grund- oder Quellwasser für die Trinkwasserversorgung bereitzustellen. Sie erfüllten über die Zeiten hinweg aber auch andere Aufgaben. Im täglichen Leben wurden sie häufig zu Reinigungs- und Bewässerungszwecken, zum Waschen von Wäsche oder zur Aufbewahrung frischer Fische genutzt. Oftmals waren sie Treffpunkte geselligen Beisammenseins – auf Märkten zum Austausch der neuesten Nachrichten, in Kirchen und Klosteranlagen zu zeremoniellen Feierlichkeiten, wie Waschungen und Tauffeiern, oder zu repräsentativen Anlässen an königlichen Höfen.
Abhängig von der Lage der Wasservorkommen wurden Lauf- oder Ziehbrunnen gebaut. Während in Laufbrunnen das Wasser frei in ein Becken mündete, musste es bei den Ziehbrunnen aus größerer Tiefe gefördert werden. Hoch gelegene Burganlagen sicherten so ihre Wasserversorgung. In wasserarmen Regionen, wie der ungarischen Puszta, wurden mittels Ziehbrunnen die Viehherden getränkt.
Neben einfachen, zweckorientierten Brunnenbauten gab es bereits in historischer Zeit aufwändig gestaltete Schmuck- und Prachtbrunnen. Sie dienten als Marktbrunnen, als große Wandbrunnenanlagen, als Zierbrunnen in Wohnhäusern oder in Palästen, als Reinigungsbrunnen in den Vorräumen christlicher Basiliken und Moscheen oder als Brunnenhäuser in Kreuzgängen von Klöstern.
Ab dem späten Mittelalter wurden vermehrt bebilderte Brunnen auf städtischen Plätzen errichtet, oftmals mit figurengekrönter Säule in der Mitte des Brunnenbeckens.
Monumentale Brunnenanlagen aus dem Zeitalter der Renaissance zieren noch heute große Plätze reicher Städte, wie der Augustusbrunnen in Augsburg. Zur höchsten Prachtentfaltung entwickelte sich der Brunnenbau im italienischen Barock. Als Symbol der Macht ihrer Erbauer wurden sie prunkvoll ausgestaltet. So wurde etwa Roms 26 Meter hoher und 20 Meter breiter „Trevi-Brunnen" von Papst Clemens XII. im Jahr 1732 als Endpunkt eines Aquädukts gestiftet. Er wurde erst 30 Jahre später fertiggestellt.
In königlichen und fürstlichen Parkanlagen gehörten neben den Wasserspielen die Brunnen zu den wichtigsten Gestaltungsmerkmalen der Gartenarchitektur. Aufwändig gestaltet und reich geschmückt waren auch sie Denkmal und Sinnbild für den Reichtum und die Macht ihrer Erbauer. Mit dem Aufbau der zentralen Wasserversorgung und den Wasseranschlüssen in den Häusern vor rund 120 Jahren verloren die öffentlichen Brunnen mehr und mehr an Bedeutung. Sie dienen heute zumeist nur noch repräsentativen Zwecken.

Rund um die Brunnen ranken sich von alters her eine Vielzahl von Bräuchen. So gibt es in Oberfranken den Brauch, zur Osterfeier „Osterbrunnen" zu schmücken. In manchen schwäbischen und bayerischen Städten wird zur Wahrung oder Wiederherstellung des Wohlstandes der Brauch des Geldbeutelwaschens im Brunnen gepflegt. Allgemein sollen in einen Brunnen geworfene Münzen zu Lebensglück oder zu einer Rückkehr an den Brunnen führen. Mancherorts dagegen werden nicht nur Münzen, sondern zur Fasnachtszeit auch Leute in die Brunnen geworfen. In der Schweizer Gemeinde Sulz findet am Pfingstsonntag der „Pfingstsprützlig" statt. In Laub gekleidete Gestalten spritzen hier Schaulustige mit Brunnenwasser voll.




Quelle:
Tempel des Wassers, Rolf Legier, Belser Verlag, Stuttgart, 2005